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Dritte „Herausforderung“ an der Gesamtschule gestartet

Artikel in den Aachener Nachrichten

[Von: Annika Kasties]

AACHEN. Auf schlaflose Nächte hat sich Saras Mutter schon eingestellt. Wenn das einzige Kind drei Wochen lang auf eigene Faust mit dem Fahrrad nach Den Haag unterwegs ist – nur mit einer studentischen Betreuerin, fünf Mitschülern und 150 Euro im Gepäck, dann kann man schon mal nervös werden.

Erst recht, wenn das bedeutet, dass man zum ersten Mal den Geburtstag der eigenen Tochter nicht mit ihr feiern kann. Und die Tochter dann noch nicht mal ein Handy dabei hat. „Wozu auch?“, fragt die (noch) 13-Jährige schulterzuckend. „Ich werde es ja doch nicht brauchen.“ Falls doch, gebe es immer noch das Notfalltelefon der Betreuerin, sagt sie und kontrolliert ein letztes Mal, dass ihre Taschen vernünftig am Gepäckträger montiert sind.

Den ersten „Notfall“ hat Sara nämlich bereits überstanden. „Gestern Abend ist mein Fahrrad kaputt gegangen“, berichtet die Neuntklässlerin. Das geballte Gewicht von Isomatte, Schlafsack, Kleidung und Kochutensilien war offensichtlich zu viel für die alte Gangschaltung. Zum Glück ließ sich kurzfristig ein Ersatzrad besorgen. Der Radtour steht also nichts mehr im Wege.

Ein Ziel, 17 Tage, 150 Euro und keine Eltern – zum dritten Mal stellen sich die Neuntklässler der 4. Gesamtschule in Aachen ihrer ganz persönlichen „Herausforderung“. Monatelang haben sie Karten gewälzt, Routen geplant und Unterkünfte organisiert. Am Montag ging es endlich los. Begleitet werden die Schüler, die in Kleingruppen zwischen drei und elf Schülern unterwegs sind, dabei von speziell geschulten Studenten der Katholischen Hochschule und der RWTH.

Für viele Schüler ist es das erste Mal, dass sie so lange von zu Hause weg sind. „Ich halte diese Aktion für die wichtigsten drei Wochen in der Schullaufbahn der Kinder“, sagt Markus Wedler. Der Vater der 14 Jahre alten Kathi, die ebenfalls mit dem Rad rund 250 Kilometer nach Den Haag und zurück fährt, ist begeistert von der „Herausforderung“. „Wenn die Kinder wiederkommen, dann werden sie andere Menschen sein“, ist er überzeugt.

Das beobachtet auch Torsten Stahlmann. Seit vergangenem Jahr koordiniert der Lehrer für Englisch und Sozialwissenschaften das Projekt, mit dem Aachens jüngste Gesamtschule bis weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde. „Ich kenne kein schulisches Projekt, bei dem man in 17 Tagen auch nur annähernd so eine starke Veränderung sieht.“ Die Schüler seien selbstbewusster und zielstrebiger, könnten besser mit Frustrationen und Konflikten umgehen.

Dass sehen nach Ansicht des Pädagogen auch zunehmend die Eltern ein. „Die Widerstände bei den Eltern gehen immer mehr zurück.“ Während man vor drei Jahren noch eine Art „Auffanggruppe“ für die Schüler bereithalten musste, die nicht an der „Herausforderung“ teilnehmen wollten oder durften, sei dies mittlerweile kein Thema mehr. Und das, obwohl der Eltern-Kind-Kontakt auf ein Minimum reduziert, wenn nicht sogar komplett gestrichen werden soll.

Regelmäßige Lebenszeichen gebe es natürlich trotzdem. So müssen die Gruppen jeden Tag ein 12-Uhr-Foto an die Schule schicken. Veröffentlicht werden die Bilder in einem privaten Bereich auf der schuleigenen Homepage, auf das die Eltern mit einem Passwort zugreifen können. Spätestens dann wird also auch Saras Mutter wieder tief durchatmen können – zumindest vorübergehend.

Von schlaflosen Nächten kann auch Hanno Bennemann ein Lied singen. Den Schulleiter der 4. Gesamtschule hat das Gedankenkarussell vor allem vor und während der ersten „Herausforderung“ immer wieder um den Schlaf gebracht. Unter seiner Leitung wurde das Projekt erstmals an einer staatlichen Schule ins Leben gerufen. Und er trägt – bis heute – die volle Verantwortung.

Denn offiziell ist das Projekt nicht von der Schulaufsicht abgesegnet. Bennemann ist jedoch davon überzeugt, dass auch dieses Mal alles gut gehen werde. „Die Aktion ist hervorragend geplant und vorbereitet. Außerdem habe ich volles Vertrauen in meine Schüler.“ Die anfänglichen Ängste, sie seien längst verflogen, so der Schulleiter.

Trotzdem ist die jüngste „Herausforderung“ auch für den 65-Jährigen etwas besonderes. Schließlich hat er am Montag zum letzten Mal mehr als 90 Schülerinnen und Schüler in 19 Kleingruppen verabschiedet. Ende Januar 2019 geht er in den Ruhestand. Wie es dann mit der „Herausforderung“ an der 4. Gesamtschule weitergeht, weiß Bennemann nicht. Er hofft jedoch, dass sich zeitnah klärt, wer in seine Fußstapfen tritt. Und er seinem Nachfolger oder seiner Nachfolgerin schon bald die Fortsetzung des Projekts ans Herz legen kann. Wohl wissend, dass sicherlich nicht jeder bereit ist, für ein offiziell nicht anerkanntes Projekt persönlich die Verantwortung zu übernehmen.

So seien es auch die Diskussionen um die „Herausforderung“ mit der Schulaufsicht gewesen, die in den vergangenen Jahren den „bleibendsten Eindruck“ hinterlassen haben. Bennemann ist überzeugt: „Wenn etwas gut für die Schüler ist, dann muss man das auch machen. Wozu sonst bin ich hier?“ Und er sagt auch: „Die letzten sieben Jahre als Schulleiter der 4. Gesamtschule waren für mich pädagogisch gesehen die ertragreichsten und auch die erfüllendsten Jahre.“

Der Erfolg gibt ihm recht. Seit der Premiere im Jahr 2016 hat sich die Aktion stetig weiterentwickelt und immer mehr Aufmerksamkeit erregt. „Wir kriegen ständig Anfragen“, sagt Stahlmann. Von Schulen, von potenziellen Kooperationspartnern, von Unternehmen, die das Projekt finanziell unterstützen wollen. Zudem gebe es Angebote aus dem universitären Bereich, etwa von der RWTH Aachen, der Bergischen Universität Wuppertal und selbst aus Dresden, das Projekt wissenschaftlich zu begleiten.

Vielleicht werden sie dann mit Fakten belegen, wovon Bennemann längst überzeugt ist: „Es ist richtig gewesen, gegen Widerstände gekämpft zu haben.“